Kennst du das? Dein Chef schlägt die neueste Produktivitäts-App vor und du sollst sofort wechseln. Ein Freund empfiehlt dir ein gerade erschienenes Selbsthilfebuch. Überall siehst du die nächste “revolutionäre” Idee. Du probierst sie aus, investierst Zeit und Geld. Drei Monate später ist die App vergessen, das Buch verstaubt im Regal. Du hast viel Energie verschwendet für etwas, das nicht hielt, was es versprach.

Nach der Analyse zahlreicher Studien zur Überlebensdauer von Ideen, Technologien und Unternehmen zeigt sich ein faszinierendes Muster: der Lindy-Effekt. Zeit wirkt oft als Filter für Qualität. Egal ob bei deiner Karriereplanung, deinen Investitionen oder deiner Weiterbildung: Dieses Prinzip beeinflusst täglich deine Entscheidungen.
Viele denken, der Lindy-Effekt bedeutet einfach “alt ist besser als neu”. Das stimmt nicht. Er sagt nur etwas über Wahrscheinlichkeiten aus, nicht über absolute Qualität. Du bist nicht konservativ, wenn du bewährte Lösungen bevorzugst. Du reduzierst nur unnötige Risiken.
In diesem Artikel erfährst du, was der Lindy-Effekt ist und wie er funktioniert. Ich zeige dir konkrete Beispiele aus Beruf, Finanzen und persönlicher Entwicklung. Außerdem bekommst du vier praktische Strategien, mit denen du ab heute klügere Entscheidungen triffst und dich vor teuren Fehlern schützt.
Was ist der Lindy-Effekt?
Der Lindy-Effekt besagt: Je länger etwas Unvergängliches bereits existiert, desto länger wird es voraussichtlich weiterbestehen. Ein Buch, das 40 Jahre im Druck ist, wird wahrscheinlich weitere 40 Jahre gedruckt werden. Überlebt es ein weiteres Jahrzehnt, steigt die erwartete Lebensdauer auf 50 Jahre. Diese Regel gilt für Technologien, Bücher, Ideen und Unternehmen. Sie gilt nicht für lebende Organismen oder vergängliche Dinge.
Der Name stammt aus einer New Yorker Feinkosterei namens Lindy’s. Dort beobachteten Comedians 1964, dass Shows, die länger liefen, wahrscheinlicher noch länger laufen würden. Anders als bei Menschen oder Tieren, wo jedes zusätzliche Lebensjahr die verbleibende Zeit verkürzt, funktioniert es bei unvergänglichen Dingen umgekehrt. Sie “altern rückwärts”. Zeit wird zum Qualitätsfilter.
Stell dir vor: Du suchst ein Zeitmanagement-System. Du findest zwei Optionen. Das erste existiert seit 80 Jahren und wird weltweit genutzt. Das zweite ist eine brandneue App mit viralen TikTok-Videos. Nach dem Lindy-Effekt hat das etablierte System höhere Chancen, in zehn Jahren noch relevant zu sein. Die App könnte nächstes Jahr bereits verschwunden sein.
Warum funktioniert der Lindy-Effekt?
Dinge, die lange überdauern, haben einen brutalen Selektionsprozess durchlaufen. Die meisten neuen Ideen, Unternehmen und Technologien scheitern schnell. Nur das, was echte Probleme löst oder echte Bedürfnisse erfüllt, überlebt. Dieser Filter funktioniert oft besser als unsere bewussten Analysen. Du magst nicht verstehen, warum ein 100 Jahre altes Buch immer noch gelesen wird. Aber Millionen Menschen vor dir haben entschieden, dass es wertvoll ist.
Je älter etwas ist, desto stärker ist es in bestehende Systeme eingebunden. Ein 200 Jahre altes Buch hat Tausende andere Werke beeinflusst. Es wird in Schulen gelehrt, in Essays zitiert, in Gesprächen erwähnt. Diese Verdichtung macht es schwerer zu verdrängen. Eine neue App von gestern steht isoliert da. Sie hat noch keine Wurzeln geschlagen.
Menschen neigen zur “Neomania”, zur Veränderungssucht. Wir überschätzen das Neue, weil es faszinierend wirkt. Wir unterschätzen das Bewährte, weil es langweilig erscheint. Diese psychologische Falle führt zu höheren Fehlerquoten. Der Lindy-Effekt korrigiert diese Verzerrung. Er erinnert dich daran, dass Innovation per Definition noch nicht den Test der Zeit bestanden hat.
Beispiele aus dem Alltag
Dein Unternehmen erwägt, die 20 Jahre alte E-Mail-Infrastruktur durch eine “revolutionäre” Plattform zu ersetzen. Das Marketing verspricht bessere Workflows und moderne Features. Nach dem Lindy-Effekt solltest du skeptisch sein. Das etablierte System funktioniert seit zwei Jahrzehnten zuverlässig. Es hat Krisen, Updates und Nutzerveränderungen überstanden. Die neue Plattform ist ungetestet. In zwei Jahren könnte sie bereits obsolet sein. Dein Unternehmen hätte 50.000 Euro investiert, Mitarbeiter geschult, Arbeitsabläufe gestört. Wofür?
Du überlegst, in Bitcoin oder etablierte Aktienindizes zu investieren. Kryptowährungen sind spannend und versprechen hohe Renditen. Aber sie existieren erst seit 15 Jahren. Börsen gibt es seit Jahrhunderten. Der Lindy-Effekt deutet darauf hin, dass das ältere System vorhersagbarer ist. Das bedeutet nicht, dass Bitcoin wertlos ist. Es bedeutet nur, dass das Risiko höher ist. Wenn Fehler teuer sind, wähle das Bewährte.
Du suchst Hilfe bei Angstzuständen. Du findest das neueste Buch eines Instagram-bekannten “Anxiety Coaches”. Die Methoden klingen modern und viral. Du kaufst es. Die Tipps sind oberflächlich. Sie ändern nichts. Vier Wochen später bereust du die Investition. Dann entdeckst du Viktor Frankl oder Marcus Aurelius. Diese Texte existieren seit Jahrzehnten oder Jahrtausenden. Sie enthalten tiefere, zeitlose Weisheit. Sie haben Millionen Menschen geholfen. Der Lindy-Effekt hätte dir Zeit und Geld gespart.
Kontrast-Technik: Mit und ohne Lindy-Verständnis
Ohne Lindy-Effekt-Verständnis: Deine Firma sucht einen neuen Lieferanten. Ein vielversprechendes Start-up bietet innovative Ideen und attraktive Preise. Dein bisheriger Lieferant ist seit 20 Jahren treu, aber teurer. Du wählst das Start-up wegen der Kostenersparnis. Ein Jahr später: Das Start-up ist pleite gegangen. Du hattest Lieferketten-Ausfälle. Kunden sind abgesprungen. Die vermeintliche Ersparnis hat dich Zehntausende gekostet.
Mit Lindy-Effekt-Verständnis: Du gewichtest anders. Der 20-jährige Lieferant hat bereits Krisen, Marktveränderungen und Konkurrenz überlebt. Das Preis-Premium zahlt sich in Zuverlässigkeit aus. Das Start-up ist faszinierend, aber ungetestet. Du verhandelst mit dem etablierten Lieferanten über bessere Konditionen, statt komplett zu wechseln. Langfristig hast du eine sichere Lieferkette, weniger Risiko, stabilere Gewinne.
So gehst du damit um
Der Lindy-Effekt ist keine starre Regel, sondern ein Werkzeug für klügere Entscheidungen. Du musst nicht alle Innovation meiden. Du sollst nur bewusster wählen. Hier sind vier Strategien, wie du den Lindy-Effekt praktisch anwendest.
- Erkenne deine Neomania-Tendenzen: Frag dich vor jeder Entscheidung: “Wähle ich diese neue Lösung, weil sie ein echtes Problem besser löst, oder nur weil sie neu ist?” Sei ehrlich. Diese Pause rettet dich vor vielen teuren Fehlern.
- Wende die Verdopplungsregel an: Wenn ein Buch 40 Jahre existiert, erwarte weitere 40 Jahre. Überlebt es weitere 10 Jahre, verdoppelt sich der Horizont auf 50 Jahre. Nutze diese Heuristik: Bei der Wahl zwischen etabliert und neu, gib etablierten Lösungen mehr Gewicht. Nicht absolut, aber tendenziell.
- Balance die 70/30-Regel: Wende 70 Prozent deiner Energie auf bewährte, zeitgetestete Praktiken an. Mit den übrigen 30 Prozent experimentiere mit echten Innovationen. So minimierst du Risiko, bleibst aber offen für Fortschritt.
- Bevorzuge klassische Wissensquellen: Bei Wissenserwerb: Wähle Bücher und Ideen, die 50 oder 100 Jahre überlebt haben. Sie enthalten wahrscheinlich stabilere Einsichten als aktuelle Trend-Bücher. Das erspart dir Zeit und reduziert Fehler durch kurzfristige Modeerscheinungen.
Das nimmst du mit
- Der Lindy-Effekt besagt: Je länger etwas Unvergängliches existiert, desto länger wird es wahrscheinlich weiterbestehen
- Zeit ist ein brutaler Selektionsfilter, der oft besser funktioniert als bewusste Analyse
- Menschen überschätzen das Neue (Neomania) und unterschätzen das Bewährte
- Bei wichtigen Entscheidungen: Frage dich, ob du das Neue wirklich brauchst oder nur fasziniert bist
- Probiere diese Woche die 70/30-Regel aus: 70 Prozent bewährte Lösungen, 30 Prozent Experimente
Häufige Fragen
Was ist der Lindy-Effekt?
Gilt der Lindy-Effekt für alle Dinge?
Was ist Neomania?
Was ist die Verdopplungsregel?
Wie wende ich die 70/30-Regel an?
Weiterführende Links
- ModelThinkers - The Lindy Effect - https://modelthinkers.com/mental-model/the-lindy-effect
- Wikipedia - Lindy effect - https://en.wikipedia.org/wiki/Lindy_effect
- The Geeky Leader - What Lasts, Lasts Longer: Mastering the Lindy Effect in a Fast Changing World - https://thegeekyleader.com/2025/12/07/what-lasts-lasts-longer-mastering-the-lindy-effect-in-a-fast-changing-world/
- Safal Niveshak - Latticework of Mental Models: Lindy Effect - https://www.safalniveshak.com/latticework-mental-models-lindy-effect/
- Wealest - What’s the Lindy Effect? - Definition, Examples, and More - https://www.wealest.com/articles/lindy-effect
- Frontera Brands - The Lindy Effect: How Things Age In Reverse (With Examples) - https://fronterabrands.com/the-lindy-effect/
- Luca Dellanna - The Lindy Effect - https://luca-dellanna.com/posts/lindy
- Stephens Life - The Lindy Effect: Here For The Long Run - https://stephenslife.stephens.edu/blog/the-lindy-effect-here-for-the-long-run