Hast du auch manchmal das Gefühl, du rennst nur noch auf Autopilot durch den Tag? Du checkst dein Handy, bevor du das Haus verlässt, aber zehn Minuten später fragst du dich: „Habe ich die Haustür wirklich abgeschlossen?" Du packst deine Tasche für die Arbeit, aber später fehlt plötzlich dein Laptop-Ladegerät. Oder du schickst eine wichtige E-Mail ab – nur um festzustellen, dass du den falschen Anhang mitgeschickt hast. Diese kleinen Fehler kosten dich Zeit, Nerven und manchmal auch Vertrauen bei anderen.

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Ich beschäftige mich seit Jahren damit, wie wir unsere Aufmerksamkeit im hektischen Alltag besser steuern können. Die Forschung zeigt eindeutig: Unser Gehirn schaltet bei Routineaufgaben oft in einen Energiesparmodus. Das ist praktisch, aber es macht uns anfällig für dumme Fehler. Egal ob im Job, in der Partnerschaft oder beim täglichen Organisieren – wir alle kennen diese Momente der Unachtsamkeit.

Die gute Nachricht: Es gibt eine Methode, die dir hilft, solche Fehler drastisch zu reduzieren. Sie heißt Shisa Kanko oder Pointing and Calling. Das klingt vielleicht etwas exotisch, ist aber erstaunlich simpel. Es ist keine komplizierte Technik und du brauchst keine spezielle Ausbildung. Japanische Zugführer nutzen sie seit über 100 Jahren, um Unfälle zu vermeiden – und sie funktioniert auch in deinem Alltag.

In diesem Artikel erfährst du, was Pointing and Calling genau ist und warum es so wirkungsvoll ist. Ich zeige dir konkrete Alltagsbeispiele aus Job, Beziehung und Familie. Außerdem bekommst du fünf praktische Strategien, mit denen du ab heute deine Fehlerquote um bis zu 85 Prozent senken und entspannter durch den Tag kommst.

Was ist Pointing and Calling?

Stell dir vor: Ein japanischer Zugführer steht am Bahnsteig. Bevor der Zug losfährt, zeigt er auf die Ampel, sagt laut „Signal grün" und nickt. Dann zeigt er auf die geschlossenen Türen, sagt „Türen geschlossen" und gibt das Abfahrtszeichen. Diese Geste wirkt vielleicht theatralisch, aber sie hat einen klaren Zweck: Sie zwingt den Fahrer, bewusst hinzuschauen und zu bestätigen, was er sieht.

Genau das ist Pointing and Calling – auf Japanisch Shisa Kanko. Die Methode wurde Anfang des 20. Jahrhunderts von japanischen Eisenbahnern entwickelt. Der Ablauf ist simpel: Du schaust ein Objekt an, zeigst darauf, benennst es laut und führst dann die Aktion aus. Vier Schritte, die mehrere Sinne gleichzeitig aktivieren – Sehen, Berühren, Hören.

Warum funktioniert das? Wenn du etwas nur anschaust, kann dein Gehirn im Autopilot-Modus bleiben. Aber wenn du zusätzlich zeigst und sprichst, engagierst du deinen Körper aktiv. Das Zeigen verengt deinen Blick auf etwa 5 Grad. Du fokussierst dich komplett auf das Objekt. Das laute Aussprechen aktiviert deinen Kiefer, deine Zunge und deine Stimmbänder. Mehrere neuronale Pfade werden gleichzeitig angesprochen. Dein Gehirn kann nicht mehr einfach „durchrauschen".

Warum hilft das gegen Fehler?

Unser Gehirn ist ein Meister der Effizienz. Bei Routineaufgaben schaltet es gerne in den Autopilot. Das spart Energie. Du musst nicht jedes Mal bewusst überlegen, wie du deine Schuhe bindest oder die Kaffeemaschine bedienst. Dein Gehirn sagt: „Das kenne ich, das läuft automatisch." Das Problem: In diesem Modus übersehen wir Details.

Pointing and Calling unterbricht diesen Automatismus. Wenn du zeigst und sprichst, zwingst du dich zur bewussten Wahrnehmung. Du externalisierst deine Handlung – du machst sie sichtbar und hörbar, nicht nur mental. Das entlastet dein Arbeitsgedächtnis. Statt zu denken „Habe ich das gemacht?" hast du eine physische Bestätigung. Dein Körper erinnert sich stärker als dein Kopf allein.

Die Forschung nennt das „embodied cognition" – verkörpertes Denken. Wenn du eine Bewegung ausführst und sie aussprichst, schafft das eine stärkere Gedächtnisspur. Eine Studie des Japanese Railway Technical Research Institute zeigte: Die Fehlerrate sank von 2,38 auf 0,38 Fehler pro 100 Aktionen. Das ist eine Reduktion um 85 Prozent. Labortests bestätigen: Menschen, die Pointing and Calling nutzen, reagieren schneller, machen weniger Fehler und fühlen sich sicherer.

Beispiele aus dem Alltag

Wie könnte das in deinem Leben aussehen? Hier sind konkrete Situationen:

Morgens vor der Arbeit: Du stehst in der Küche, bereit loszugehen. Statt einfach die Tür hinter dir zuzuziehen, drehst du dich um. Du zeigst auf den Herd, sagst „Herd aus, Platten kalt" und berührst die Knöpfe kurz. Dann zeigst du auf deine Tasche, sagst „Laptop drin, Handy dabei" und greifst nach den Schlüsseln. Du verlässt das Haus ohne dieses nagende Gefühl „Habe ich was vergessen?"

Im Büro vor einer wichtigen E-Mail: Du hast einen Bericht fertiggestellt und willst ihn an deinen Chef senden. Bevor du auf „Senden" klickst, zeigst du auf die Empfängeradresse und sagst leise „[email protected] – richtig". Dann zeigst du auf den Anhang und sagst „Bericht Q4 – dabei". Erst dann klickst du. Keine peinlichen „Ups, falscher Empfänger"-Momente mehr.

Abends beim Tanken: Du stehst an der Zapfsäule. Dein Auto braucht Diesel. Du zeigst auf den grünen Zapfhahn, sagst laut „Diesel für mein Auto" und tankst. Keine Panik mehr auf der Autobahn, ob du vielleicht aus Versehen Benzin getankt hast. Du erinnerst dich klar an deine bewusste Entscheidung.

Vor dem Schlafengehen: Du machst deine Abendrunde durchs Haus. Zeigst auf die Haustür, sagst „Tür abgeschlossen", drehst den Schlüssel. Zeigst auf die Fenster im Wohnzimmer, sagst „Fenster geschlossen", checkst sie. Zeigst auf den Ofen, sagst „Ofen aus", fühlst die kalte Platte. Du gehst entspannt ins Bett, ohne diese lästigen Zweifel.

Kontrast: Ohne vs. mit Bewusstsein

Ohne Pointing and Calling-Bewusstsein: Du verlässt morgens hastig das Haus. Später auf der Arbeit meldet sich die Unsicherheit: „Habe ich den Ofen wirklich ausgemacht?" Du kannst dich nicht erinnern. Der Gedanke nagt an dir den ganzen Tag. Abends kommst du nach Hause – alles ist gut, aber du hast acht Stunden unnötig gestresst verbracht.

Mit Pointing and Calling-Bewusstsein: Du stehst morgens vor dem Ofen, zeigst auf die Knöpfe, sagst „Ofen aus, alle Platten kalt" und fühlst kurz die Oberfläche. Diese physische Bestätigung brennt sich ein. Den ganzen Tag über hast du ein klares Bild im Kopf: Du siehst deine Hand am Knopf, hörst deine Stimme. Kein Stress, keine Zweifel. Du arbeitest fokussiert und entspannt.

So gehst du damit um

Wie kannst du Pointing and Calling in deinen Alltag integrieren? Hier sind fünf praktische Strategien:

  1. Identifiziere deine Risiko-Momente: Überlege dir, wo du oft Fehler machst oder dich später unsicher fühlst. Haustür abschließen? E-Mails versenden? Herd ausschalten? Notiere drei Situationen, die dich regelmäßig stressen.
  2. Starte diskret: Du musst nicht laut rufen wie ein japanischer Zugführer. Leises Murmeln reicht völlig. Sage dir selbst „Tür zu, Schlüssel gedreht" – niemand anderes muss es hören. Die Intention zählt, nicht die Lautstärke.
  3. Mache es zur Routine: Beginne mit drei Checks pro Tag. Morgens vor dem Verlassen des Hauses, mittags vor wichtigen E-Mails, abends vor dem Schlafengehen. Nach zwei Wochen wird es zur Gewohnheit. Dein Gehirn lernt: „In diesen Momenten schalte ich bewusst ein."
  4. Nutze die physische Komponente: Zeige wirklich mit dem Finger. Berühre das Objekt kurz, wenn möglich. Die körperliche Bewegung ist entscheidend. Sie macht den Unterschied zwischen „Ich denke, ich habe es gemacht" und „Ich weiß, ich habe es gemacht".
  5. Tracke deine Erfolge: Führe eine Woche lang ein kleines Notizbuch. Schreibe auf, wie oft du Pointing and Calling angewendet hast und ob du dich unsicherer gefühlt hast als sonst. Du wirst merken: Die Unsicherheit sinkt dramatisch. Das motiviert dich weiterzumachen.

Das nimmst du mit

  • Pointing and Calling reduziert Fehler um bis zu 85 Prozent, indem es mehrere Sinne gleichzeitig aktiviert und den Autopilot-Modus unterbricht
  • Der Prozess ist simpel: Objekt ansehen, darauf zeigen, laut benennen, Aktion ausführen – so entsteht eine starke Gedächtnisspur
  • Du kannst es überall anwenden: beim Verlassen des Hauses, bei wichtigen E-Mails, beim Tanken oder vor dem Schlafengehen
  • Die Methode baut Selbstvertrauen auf, weil du physische Bestätigung hast – keine nagenden Zweifel mehr während des Tages
  • Probiere diese Woche drei tägliche Checks aus und tracke, wie dein Stresslevel sinkt – die Ergebnisse werden dich überzeugen
  1. How The Ritual of Pointing and Calling, known as Shisa Kanko … - https://www.christopherroosen.com/blog/2020/4/20/how-the-ritual-of-pointing-and-calling-shisa-kanko-embeds-us-in-the-world
  2. A Return to Shisha Kanko, Pointing and Calling in Everyday Life - https://www.christopherroosen.com/blog/2024/6/30/shisha-kanko-pointing-calling-redux
  3. The Point of Pointing and Calling: A Personal Rediscovery - https://www.kevinmeyer.com/the-point-of-pointing-and-calling-a-personal-rediscovery/
  4. The Point of Pointing and Calling - Gemba Academy - https://blog.gembaacademy.com/2020/05/11/the-point-of-pointing-and-calling/
  5. Pointing and calling - Wikipedia - https://en.wikipedia.org/wiki/Pointing_and_calling
  6. Shisa Kanko: “Point and Call” to Increase Attention to Detail and … - https://www.landmarkoutreach.org/wp-content/uploads/Shisa-Kanko-and-Woodinmath.pdf
  7. Point it, call it, get it right | Flight Safety Australia - https://www.flightsafetyaustralia.com/2018/01/point-it-call-it-get-it-right/